Aufsatz des Monats

Ein Gastbeitrag:

Josef Kraus ist viel gefragter Bildungsexperte und Buchautor. Er war bis Juni 2017 mehrere Jahrzehnte Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

„Make Europe Great Again!“ Spätestens nach dem „Make America great again“ wäre das eine konsequente europäische Antwort. Denn „Europa“ steht in der Bevölkerung in keinem guten Ruf. Das ist ungerecht, denn der Unmut der Menschen richtet sich eigentlich nicht gegen Europa, sondern gegen die EU mit ihrem Demokratiedefizit, ihrem Riesenapparat an 55.000 Beamten, ihrer Regelungswut in Sachen Gurkenkrümmung, Glühlampen usw. Die EU leidet in der Wahrnehmung vieler Menschen an einer Überdehnung.
Halten wir aber EU und Europa auseinander. Europa ist eigentlich kein geographischer Begriff mehr, wie er dies bei Herodot (484 bis 424 v. Chr.) war – damals als Bezeichnung für die Länder um das Mittelmeer. Kulturell, ideell aber ist das, was man mit Europa verbindet, global, wir finden es von den atlantischen Inseln bis nach Sibirien, von Australien bis Island und von Chile bis zu den Philippinen. Zu behaupten, wenn der Euro scheitere, dann scheitere Europa, ist jedenfalls eine völlig unhistorische Aussage, die nur von jemandem stammen kann, der keine historische Unterkellerung hat.
Es geht um das ideelle Band Europas. Dieses hatten die Begründer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Auge. Für Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi, Robert Schumann, Jean Monnet ging es um Europas Seele. Die vier fanden zueinander aufgrund ihrer gemeinsamen christlichen Überzeugungen und nicht zuletzt im Zeichen der Versöhnung nach dem 2. Weltkrieg. Dieser Anfangsenthusiasmus ist verblasst.
Europa ist heute von innen bedroht: von seinem Werterelativismus, vom mangelnden Konsens im Umgang mit Migrationsbewegungen, von seinen Selbstzweifeln. Und nun schrumpft Europa. Seine Fertilitätsrate liegt derzeit bei 1,4 (die notwendige Reproduktionsrate wäre 2,2). Zudem stecken wir inmitten einer Überalterung. Europas Vitalität scheint erschöpft. Folge: Während um 1900 rund ein Drittel der Weltbevölkerung europäischstämmig war (rund 550 Millionen von 1,6 Milliarden), beträgt deren Anteil an der Weltbevölkerung heute noch 12 Prozent, im Jahre 2050 wird er bei nur noch 6 Prozent liegen. Das hat schleichend eine dramatische Minderung des europäischen Einflusses auf das Geschehen in der Welt zur Folge. Zugleich erleben wir in Teilen einen Hyperindividualismus und einen dramatischen Funktionsverlust der Familie. Womit übrigens eine Institution bedroht ist, die in die Uranfänge der Menschheit zurückreicht. Dass man Vater und Mutter ehren soll, ist nicht nur ein Gebot des Alten Testaments, sondern Menschheitsüberlieferung.

Josef Kraus

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